Erfolgsgeschichten sind wichtig. Die Frau, die mit 500 Euro und einem Laptop ein Unternehmen aufgebaut hat. Die Gründerin, die nach dem Burnout neu angefangen hat. Die Unternehmerin, die neben Care-Arbeit und Mental Load trotzdem ihr Business zum Laufen gebracht hat. Diese Geschichten sind real und sie berühren uns, weil wir wissen, was es gekostet hat, dort hinzukommen. Wir brauchen diese Erfolgsstories, weil sie uns zeigen, was möglich ist.
Gleichzeitig werfen sie eine Frage auf: Was ist eigentlich mit den Frauen, die genauso talentiert sind und trotzdem kaum sichtbar werden? Die großartige Produkte haben, die aber trotzdem kaum jemand kennt? Die ihre eigene unternehmerische Kraft durchaus spüren, in sich vertrauen, sich also im besten Sinne empowered fühlen, die aber trotzdem jeden Monat neu rechnen müssen, ob es reicht?
Erfolgsgeschichten sind gut. Aber sie allein bilden keine Infrastruktur. Genau die brauchen wir aber, damit Frauen Wirtschaft nicht in erster Linie als Konsumentinnen oder “Ausnahme-Unternehmerinnen” treiben, sondern ganz selbstverständlich dort Platz nehmen, wo Vermögen entsteht und wo die Regeln, nach denen Wirtschaft funktioniert, verhandelt werden.
Die Empowerment Economy verkauft das Bild. Wer baut die Struktur?
Solange Erfolg vor allem als Frage des individuellen Willens erzählt wird, muss niemand genauer hinschauen: nicht auf die Algorithmen, die Aufmerksamkeit belohnen statt Qualität. Nicht auf die Realität vieler Unternehmerinnen, die abends Content produzieren, nachdem sie tagsüber bereits Erwerbs- und Care-Arbeit geleistet haben. Nicht auf eine Wirtschaft, in der Frauen den Großteil aller Kaufentscheidungen treffen, wirtschaftlich von dieser Kaufkraft/-macht aber kaum selbst profitieren.
Was passiert? – Strukturelle Probleme fühlen sich persönlich an. Zu wenig Sichtbarkeit, zu hohe Kundengewinnungskosten, zu wenig Zugang, zu wenig Zeit. Wenn jedoch tausende Frauen gleichzeitig an denselben Stellen hängen, sollten wir andere Fragen stellen als bisher. Statt „Wie kann jede Einzelne noch mehr leisten?" lieber: „Warum kostet Sichtbarkeit Frauen heute eigentlich so viel Kraft?"
Ein Beispiel, das es greifbar macht: Die meisten Unternehmerinnen wollten nie Creatorinnen werden. Sie wollen Unternehmen aufbauen, Produkte entwickeln, Kund*innen gewinnen. Stattdessen verbringen sie Woche für Woche Stunden damit, in Systemen sichtbar zu bleiben, die Reichweite zur Währung gemacht haben. Diese aufzubauen, ist schlicht teuer, kostet Zeit, Kraft und Geld. Und wer davon strukturell weniger hat, weil Care-Arbeit, Mental Load und fehlende Möglichkeiten zur Delegation dazukommen, zahlt einen höheren Preis für dieselbe Sichtbarkeit.
Die Female-to-Female Economy beginnt dort, wo Empowerment aufhört
Die Empowerment Economy hat Frauen eine Stimme und Sichtbarkeit gegeben. Sie hat Netzwerke entstehen lassen, Räume und Diskurse geöffnet, die vorher nicht da waren. Das war ein enorm wichtiger Schritt. Die Female-to-Female Economy stellt nun die Frage nach dem nächsten: Was passiert, wenn Frauen nicht nur sichtbarer werden, sondern ganz selbstverständlich wirtschaftlich miteinander verbunden?
Frauen treffen 80 % aller alltäglichen Kaufentscheidungen weltweit. Dieses Geld fließt ohnehin – für Hautpflege, Bücher, Geschenke, Kleidung, Dienstleistungen, Alltag. Und trotzdem fließt ein Großteil dieser Kaufkraft in Unternehmen, die Frauen nicht gehören.
Die Female-to-Female Economy ist kein Widerspruch zur Empowerment Economy. Sie ist ihre logische Weiterentwicklung. Vom Bild zum System. Von der Geschichte zum Kreislauf. Von der Inspiration zur Infrastruktur.
Wirtschaft verändert sich nicht durch mehr einzelne Frauen, die alleine sichtbar werden. Sie verändert sich in dem Moment, in dem Frauen ihre Kaufkraft in dieselbe Richtung bewegen.

